STÜHLE – DIE SCHÖNSTEN UND SPANNENDSTEN NEUHEITEN

Bequem, lässig und immer wieder klassisch

Sie haben drei Beine, vier Beine oder auch gar keine Hinterbeine. Sie sind aus Holz, Kunststoff oder gepolstert. Ihr Entwurf gilt für einen Designer als eine der größten Herausforderungen – viele Gründe, uns Stühle einmal genauer anzusehen und die schönsten und spannendsten Neuheiten vorzustellen.

„Der Esstisch ist heute das Herzstück von Haus oder Wohnung“, erklärt Christiane Kehlbeck, Geschäftsführerin im Einrichtungshaus Kehlbeck in Oyten. Hier kommt man mit Freunden, mit der Familie zusammen, hier redet und lacht man, hier sitzt man lange zusammen. „Stühle müssen heute vor allem eines sein, bequem“, sagt Christiane Kehlbeck. So werden Polsterstühle, oft in ihrer Kombination mit filigranen Untergestellen, zunehmend beliebter. Der Stuhl Ona von Designer Sebastian Herkner für die Manufaktur Freifrau ist auf das Wesentliche reduziert: ein rundliches Sitzpolster, eine geschwungene Rückenlehne und vier schlanke Füße. Charakteristisch ist der weich umlaufende Keder, der die Naht zwischen den zwei Schalen der Rückenlehne verstärkt. „Ona umarmt herzlich und lässt seinen Besitzer dennoch die Haltung bewahren“, sagt Herkner über seinen Entwurf.

„Ein Revival am Esstisch erlebt auch die Sitzbank“, sagt Christiane Kehlbeck. Mit der Holzbank, an die man jetzt möglicherweise denkt, hat die moderne Sitzbank keine Gemeinsamkeiten. Modell Mell vom Designduo Markus Jehs und Jürgen Laub für Möbelhersteller Cor ist durch seine separat aufliegenden Sitzkissen und die hohe Rückenlehne beispielsweise so weich gepolstert, dass man auf dieser Bank mit vielen Freunden oder der Familie lange bequem sitzen kann. „So eine Bank wirkt lässig und ist gleichzeitig gemütlich“, sagt Christiane Kehlbeck. „Hier kann man sich auch mal einkuscheln, Cocooning, wie es heute heißt.“

Zusammenkommen, Zusammensitzen und das Leben genießen – davon hat sich auch der Wiener Designer Marco Dessí inspirieren lassen, als er den Polsterstuhl 520 für das Traditionsunternehmen Thonet entworfen hat. Dessí hat in seinem Design die freien Flächen zwischen den Bugholzelementen durch komfortable Polster ersetzt. So verbindet sich der Sitzkomfort mit einer optischen und physischen Leichtigkeit. Durch die einfache, intelligente Konstruktion lassen sich verschiedene Varianten, mit und ohne Armlehnen, gestalten. In Kombination mit einer großen Auswahl unterschiedlicher Materialien passt der Entwurf in unterschiedlichste Szenarien – vom Esszimmer bis an den Besprechungstisch.

Ebenfalls von Thonet ist der Barstuhl 118, mit dem der Designer Sebastian Herkner auf ganz selbstverständlich erscheinende Weise eine Verbindung zwischen Thonet-Tradition und Gegenwart hergestellt hat. Der Entwurf ist einfach und raffiniert zugleich. Er basiert auf dem von Michael Thonet bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Prinzip, einen Stuhl auf möglichst wenige Bestandteile zu reduzieren. Auf den 214, den Urtyp eines Thonet-Stuhls, bezieht sich das Stuhlprogramm 118 mit dem aus einem Stück gebogenen Sitzrahmen sowie mit der mit Rohrgeflecht bespannten Sitzfläche. Es sind aber vor allem die Details, die dem Stuhlprogramm bei aller Schlichtheit das besondere Etwas verleihen: Die Stuhlbeine sind auf der Rückseite abgerundet und vorne durch leichte Kanten gekennzeichnet – damit nehmen sie die hufeisenförmige Grundfläche des Sitzes auf. So entsteht die besondere subtile Eleganz, die für das Programm 118 charakteristisch ist.

Der Schweizer Möbelhersteller Vitra legt in seiner neuen Herbstkollektion den spannenden Entwurf „Chaise Tout Bois“ des französischen Konstrukteurs Jean Prouvé aus dem Jahr 1941 neu auf. Während des Zweiten Weltkrieges waren einige Materialien knapp, wie etwa Metall. So musste Prouvé erfinderisch werden und entwarf einen Stuhl, der – wie sein Name schon vermuten lässt – komplett aus Holz ist. Der Stuhl, der bei Vitra dieses Jahr nun erstmals in Serie geht, kommt genau wie der Originalentwurf vollkommen ohne Schrauben aus, wobei Höhen und Sitzgeometrie heutigen Anforderungen entsprechen. Ebenso spannend wirkt die Serie 7, auch 3107 genannt, im neuen Gewand. Der dänische Hersteller Fritz Hansen hat den Klassiker des Designers Arne Jacobsen mit samtiger Polsterung ausgestattet und schafft so eine Balance zwischen Formalität und Einfachheit, zwischen Form und Funktion und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Text: Claudia Kuzaj, Foto: Thonet