An der Oberneulander Landstraße

Als Abschluss der Berichte über einige der Oberneulander Landgüter lohnt sich eine Betrachtung der Entwicklung Oberneulands und der Oberneulander Landstraße. Sie wurde benannt nach dem früheren Dorf und dem heutigen Stadtteil Oberneuland. Dieses lag hinter dem „Neuenland“. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hieß die Straße Oberneulander Straße. Diese historische Straße führt von der Straße Am Hodenberger Deich bis zur Straße Am Lehester Deich. Sie führt zunächst mehr in Nord-Süd-Richtung, dann in Ost-West-Richtung und schließlich wieder in Nord-Süd-Richtung und ist 3.800 Meter lang.

Die Niederungen um Bremen waren eine feuchte Einöde, ein mooriges Sumpfgebiet, das landwirtschaftlich nicht genutzt werden konnte, bis im Jahre 1181 holländische Ansiedler das Gebiet durch Einpolderung und Entwässerung nutzbar machten. Bisher wertloses Land wurde von den holländischen Kolonisten in einen ertragreichen Boden verwandelt. Ziel der Ödlandkultivierung in den „Neuenland“-Gebieten war von Anfang an die Gewinnung von trockenem Ackerland. Dies wurde durch ein sinnvolles, die Grenzen der einzelnen Feldmarken übergreifendes System von Fleeten und Deichen erreicht. Karten und Pläne des heutigen Oberneuland geben Hinweise auf die historische Entwicklung des Ortsteils: Weite Flächen sind nicht bebaut, und das von zwei von Nordwesten nach Südosten verlaufenden Hauptachsen durchzogene Wohngebiet (Oberneulander und Rockwinkeler Landstraße) weist eine wenig verdichtete Bauweise auf. Das unbesiedelte Gebiet wird durch jene auffällige Parzellierung in schmale lange Feldstreifen charakterisiert, die im Bereich des gesamten Hollerlandes auf die im 12. Jahrhundert einsetzende Kolonialisierung hinweist. Die Entwässerung und Nutzbarmachung des Landes, Viehzucht und Ackerbau bildeten die Grundlage der Besiedelung und prägen bis heute das Gesicht Oberneulands. Nicht nur die Feldflurstruktur und die entwässernden Gräben und Fleete, sondern auch die zum Teil noch bewirtschafteten Höfe, die Wind- und die Dampfmühle sind augenfällige Dokumente der Dominanz des Landbaus.

Im Laufe der Zeit trat ein weiteres charakterisierendes Element hinzu: das der Vorwerke, Landgüter und Sommersitze. Schon im ausgehenden Mittelalter hatten Adel, Klerus und städtisches Bürgertum aus vorwiegend ökonomischen Interessen vom Land Besitz ergriffen. Später kam die Begeisterung für die landschaftliche Schönheit des Landes hinzu. Es entstanden Landsitze wohlhabender Bremer Bürger. Zunehmend wurden die Landsitze – zunächst schlichte Gutshäuser – in aufwendige Landsitze mit großartigen Parkanlagen verwandelt. Viele von ihnen existieren nicht mehr, einige jedoch – und sie und ihre Parks prägen immer noch das Erscheinungsbild Oberneulands. Über die Anlage von Wegen in dieser Zeit ist nichts bekannt. Bei Entholt findet sich folgende Beschreibung, die sich möglicherweise auf die Zeit des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bezieht:
„Nur die Zuwegungen zu den Landgütern waren früher in ordentlichem Zustand. Die eigentlichen Verkehrsstraßen waren ziemlich trostlos beschaffene Sandwege, die sich bei Regenwetter oder Überschwemmungen in Moraste verwandelten, auf denen längere Strecken zu Fuß nur mühsam bewältigt werden konnten. Auch das Fahren war in alter Zeit schwierig … Gepflasterte Straßen sind – abgesehen von der durch Osterholz gehenden und von Napoleon angelegten Heerstraße Bremen – Hamburg – erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.

Die Straßenverhältnisse sind in Oberneuland noch lange schlecht gewesen.“ Um 1960 herum wurde die Oberneulander Landstraße mit einem ordentlichen Pflaster versehen. Straßenbeleuchtung gibt es seit 1925 in Oberneuland. Es ist anzunehmen, dass die Oberneulander Landstraße ein ähnlich wie oben beschriebener, vielleicht auch befestigter Landweg war. Die Oberneulander Landstraße ist begrenzt durch das Fleet und die Eichen am Straßenrand. Schon immer gab es seitens der Stadt den Wunsch zur Verbreiterung, um Fußwege und bessere Verkehrswege zu schaffen – und schon immer gab es Einwände der Anwohner zum Schutz der alten Bäume. Sehr interessant ist die Beurteilung der Verkehrssituation: Der Verkehr mit den ohnehin sehr langsamen Fuhrwerken ist so gering, dass sich wahrscheinlich zwei selten begegnen werden und einige wenige Automobile werden an Sonntagen im Sommer fahren …

Seitdem ist viel Zeit vergangen und der Verkehr hat für die damalige Zeit sicher unvorstellbare Ausmaße angenommen.
An der Oberneulander Landstraße liegen einige der schönen Parks, Landhäuser und gepflegte neuere Wohnhäuser. So wurde auch ein Gesuch, eine Geflügelfarm an dieser Straße einzurichten, abgelehnt. Allerdings siedelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und später kleinere Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe an. Die Oberneulander Landstraße ist heute im Wesentlichen in ihrem Charakter als Landstraße erhalten, sie ist schmal, vom Fleet und Baumreihen, meist alten Eichen, begrenzt, bietet Zugang zu einigen bekannten und schönen Parks und weist viele schöne und einige baugeschichtlich bemerkenswerte Häuser auf.

Text: Dr. Angelika Breucha, Foto aus Sophie Hollanders: Oberneuland. Bilder aus alten Truhen