Was macht Ostern aus?

Hinter den Kulissen

„Wir wollen alle fröhlich sein, in dieser österlichen Zeit“, heißt es im Lied von Cyriacus Spangenberg aus dem 16. Jahrhundert. „Unseren Familien und Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn wünschen wir frohe Ostern.”

Doch ist Ostern einfach nur froh und fröhlich? Was macht Ostern aus, was gehört dazu neben bunten Ostereiern, Lammbraten und Osterfeuer? Vielleicht einer der fünf Gottesdienste der Oberneulander Kirchengemeinde? Und was passiert hinter den Kulissen, um diese fünf Gottesdienste vorzubereiten, damit es ein frohes und gesegnetes Osterfest wird? Das Oberneuland Magazin warf einen Blick hinter die Kulissen der kirchlichösterlichen Vorbereitungen. Dazu hat sich unsere Redakteurin Susanne Wokurka mit Pastor Frank Mühring, Pastor Thomas Ziaja, Kantorin Katja Zerbst und Küster Andreas Wokurka zum Interview getroffen.

Oberneuland Magazin: Wie bereitet ihr euch auf die fünf Gottesdienste vor und was liegt euch dabei besonders am Herzen?

Pastor Mühring: Für mich beginnt Ostern mit der Karwoche. Der erste österliche Gottesdienst findet am Gründonnerstag statt. Das ist wie eine intime Feier und die Erinnerung an den Tag, als das Abendmahl eingesetzt wurde, zu welchem früher die Sünder hinzu geholt wurden. Ostern ist kein Fest, wo es nur Jubel gibt, es führt vom Tod zum Leben, vom Dunkel zum Licht, von der Trauer zur Freude. Es gibt Jubel und völliges Unverständnis, auch Angst. Das Licht geht nicht einfach an und alles ist gut, es breitet sich nach und nach aus, durch Musik, Worte und Kerzen. Für mich ist es ein sinnliches Ausbreiten, was ich vermitteln möchte.

Pastor Ziaja: Ostern ist nicht nur schön, es ist eine völlig unglaubliche, nicht inszenierbare Geschichte und ein Weg bis dahin. Beim Abendmahl, in der Gestalt von Brot und Wein, dürfen wir Kraft sammeln, um das Bild des Todes auszuhalten. Das ist schwer, denn es ist ein grausamer Tod, welcher Stillstand bedeutet.

Oberneuland Magazin: Findet ihr gesellschaftliches Innehalten am Karfreitag wichtig?

Pastor Mühring: Hierzu gibt es wenig Einsicht. An jedem Sonntag ist Sabbat, doch der ist auch mit Konflikten behaftet.

Pastor Ziaja: Einmal im Jahr absolute Ruhe, ein völliges Verbot aushalten, z.B. keine Tanzveranstaltungen, kein Betreiben der Osterwiese, das ist eine spannende Erfahrung und für jeden gut.

Oberneuland Magazin: Haltet ihr euch an die Vorgaben der Lesungs- und Predigttexte zu Ostern?

Pastor Mühring: Auch unbequeme Texte werden genommen, damit muss man sich auseinandersetzen. Nur die Osternacht hat ein anderes Format, sie ist nicht auf die Predigt zugeschnitten, sollte eher eine Meditation enthalten.

Pastor Ziaja: Liturgische Vorgaben werden genommen, bei den Lesungstexten hat man viel Freiheit, aber an die Predigttexte wird sich streng gehalten. Die Osterpredigt ist leichter als die Weihnachtspredigt, hier sind die Erwartungen sehr groß und müssen bedient werden, man möchte die Weihnachtsgeschichte hören. Ostern ist da freier als Weihnachten, da der Ostertext oft ein anderes Licht auf die Geschichte wirft. Drei Tage Vorlauf wie für eine normale Sonntagspredigt reichen nicht aus, für Ostern reift es deutlich länger, man braucht gedanklichen Vorlauf und frühere Auseinandersetzung mit den Predigttexten.

Oberneuland Magazin: Was ist an der Osternacht so besonders?

Pastor Mühring: Osternacht bedeutet auch Weinen. Besondere, andere Menschen kommen dazu, manche von ihnen sieht man sonst nicht im Gottesdienst. Kerzen werden verteilt und am Osterlicht entzündet. Und nun ist auch die Taufe möglich, der Beginn eines neuen Lebens mit Gott. Pastor Ziaja: Es ist der Frühgottesdienst, in welchem das Osterlicht erwartet wird. Auf den Karfreitag folgt der Karsamstag, ein ganz ruhiger Tag, alles steht still, es läuten keine Glocken, keine Amtshandlungen werden durchgeführt, es herrscht Grabesruh‘. Und doch geht es im Hintergrund weiter. Bei dem Lied „Christ ist erstanden“ habe ich Gänsehautfeeling. Dieses Gefühl schafft die Osternacht.

Oberneuland Magazin: Andreas, was bedeutet für dich das Osterlicht in der Osternacht?

Andreas Wokurka (Küster): Das Osterlicht symbolisiert die Auferstehung Jesu, man kommt vom dunklen Karfreitag. Diakonin Irina Schwerdtfeger hat mit den Jugendlichen eine Osterkerze gestaltet. Diese wird am Feuertopf vor dem Kirchenportal entzündet und als Osterlicht in die dunkle Kirche getragen. Man geht also in die Kirche, wenn es noch dunkel ist, und kommt heraus, wenn es hell ist.

Oberneuland Magazin: Wann stehst du auf, damit der Feuertopf pünktlich brennt?

Andreas Wokurka: Sehr früh, 5.30 Uhr muss alles fertig sein, dann versammelt sich die Gemeinde der Osternacht andächtig um das Feuer, zum Wärmen und Innehalten. Seit einigen Jahren stelle ich mir drei Wecker, um es bloß nicht zu verschlafen. Als unsere Kinder im Teeniealter in den Morgenstunden vom Osterfeuer nach Hause kamen, wunderten sie sich über einen Mann, der sehr früh vor der Kirche um einen Feuertopf tanzte.

Oberneuland Magazin: Wie geht der früh begonnene Ostermorgen für dich weiter?

Andreas Wokurka: Wenn alle in der Kirche an ihrem Platz sind, die Kerzen brennen und die Osternacht gefeiert wird, bereite ich im Gemeindehaus das Frühstück vor. Auch wenn fast jeder einen Beitrag zum Buffet leistet, müssen Eier und Kaffee für 40–70 Frühaufsteher gekocht und Brötchen aufgebacken werden. Es gibt Helfer, die im Vorfeld Tische eindecken und im Anschluss beim Aufräumen helfen. Und haben hier alle ihren Platz gefunden, bereite ich den 10-Uhr- Ostergottesdienst vor. Feuertopf, Abendmahl und Kerzen der Osternacht müssen weggeräumt werden. Nach österlichem Glockengeläut und Beginn des Gottesdienstes schaue ich im Gemeindehaus nach dem Rechten.

Oberneuland Magazin: Jeder Gottesdienst ist musikalisch anders geprägt, welche Bedeutung hat die Musik für euch?

Pastor Mühring: Ein fröhlicher Wechsel der Lieder an Ostern reißen aus dem dumpfen Trauermodus heraus und führen zu einer anstrengenden Freude, Leben ist wieder da. Pastor Ziaja: Musik ist ein sehr komplexes Thema zu Ostern, an diesen Tagen geht nicht alles, die Mischung muss stimmen. Die Musikauswahl ist für Frau Zerbst eine große Herausforderung.

Oberneuland Magazin: Katja, wie bereitest du dich auf die sehr unterschiedlichen Ostergottesdienste vor, in denen auch musikalisch einige Themen der Gemeinde nahe gebracht werden sollen?

Katja Zerbst: Es gibt zunächst weitreichende Vorbesprechungen mit den Pastoren, hier wird der grobe Rahmen abgesteckt. Dann beginnen die ersten Proben und erst danach findet eine Schluss-Abstimmung mit den Pastoren statt.

Oberneuland Magazin: Wie sieht im Besonderen die Vorbereitung für Gründonnerstag und Karfreitag aus?

Katja Zerbst: Der Gründonnerstag ist ein Abendmahls-Gottesdienst, da sollten die Stücke eher meditativen Charakter haben. Den Karfreitag- Gottesdienst gestaltet die Kantorei schon viele Jahre mit, die Sängerinnen und Sänger treffen sich recht zeitig zum Einsingen, dabei ist sehr bemerkenswert, dass einige von ihnen schon über 80 Jahre alt sind. Die Stille gehört zum Karfreitag und ist ein Element der musikalischen Gestaltung. Es müssen Lieder und Stücke gewählt werden, die nur an diesem Tag passen. Mindestens eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn wird das Einsingen beendet, die Gottesdienstbesucher sollen die Stille fühlen, wenn sie in die Kirche kommen.

Oberneuland Magazin: Die Osternacht ist kein gewöhnlicher Gottesdienst. Seit vielen Jahren feiern wir diese fast 90 Minuten lange Messe mit besonderen Gesängen des Vocal Ensembles Terra Nova. Wie bereitet ihr euch gemeinsam auf diesen Ostermorgen vor?

Katja Zerbst: Die Sängerinnen und Sänger des Vocal Ensembles bekommen die Stücke vier Wochen vorher zugeschickt und müssen diese im Selbststudium erlernen. Bis zur Osternacht gibt es vier, teilweise sehr zeitaufwendige Proben. Sich bereits um 4.30 Uhr am Ostersonntag zum Einsingen zu treffen, ist eine besondere Herausforderung, dabei stehen einige Sänger um 3.00 Uhr morgens auf, sie kommen aus Achim und Worpswede. Die Töne müssen da sein, bei einem kleinen Ensemble kommt es auf jede Stimme an, alles wird a capella gesungen. In der völlig dunklen Kirche haben die mittelalterlichen, echt gregorianischen Gesänge oder Musik, die sich daraus entwickelt hat, eine besondere Feierlichkeit. Man muss sehr feine Antennen haben, wann man anfängt. Es gibt kein Glockengeläut, wann kommen die Gottesdienstbesucher in die Kirche, wann geht es los? Es gibt dann den Moment, in welchem sich das Kerzenlicht der einsamen Kerze verbreitet.
Die Osternacht mit dem Vocal Ensemble ist eine sehr schöne Tradition, welche nicht jedes Jahr gleich abläuft, da diese immer neu ausgefüllt werden darf.

Oberneuland Magazin: Es gibt noch zwei weitere Gottesdienste, was sind hier deine Aufgaben?

Katja Zerbst: Am Ostersonntag erfreut uns der Posaunenchor der Oberneulander Kirchengemeinde mit festlicher Bläsermusik. Eine längere Vorlaufzeit zum Proben ist wichtig, damit Choräle und Vorspiele gut klingen. Die Lieder suche ich in Abstimmung mit den Pastoren aus, um diese im Gottesdienst im Wechsel mit dem Posaunenchor zu begleiten. Ostermontag sitzt eine bewährte Vertretungskraft an der Orgel, welche organisiert werden muss. Jeder Gottesdienst hat ein Thema, welches uns auf unterschiedlichste Weise durch die verschiedenen Chöre und deren großes ehrenamtliches Engagement dargeboten wird.

Oberneuland Magazin: Habt ihr eigene kleine Osterbräuche?

Pastor Mühring: Karfreitag essen wir Fisch oder Mehlspeisen. Unsere großen Kinder bestehen immer noch darauf, Ostereier zu suchen. Das liebevolle Verstecken übernimmt meine Frau Andrea. Pastor Ziaja: Lammbraten und Osterzopf gehören bei uns zu Ostern, wie österliches Dekorieren und Eier färben. Dabei wird das Ostereiersuchen dem Dienst angepasst, wie die Bescherung an Heiligabend.

Am Gründonnerstag und Karfreitag schmückt Birgit Frese den Altar mit weißen Lilien – diese außergewöhnlichen Blumen stehen für Liebe, Licht und Hoffnung. Ostersonntag werden gelbe Osterglocken zu den Lilien gesteckt, diese stehen im Christentum für die Auferstehung, Lebendigkeit und das ewige Leben. Nach dem Verblühen glaubt man die Osterglocke für den Rest des Jahres tot, doch pünktlich zum Osterfest erblüht sie erneut. Auch der Schaukasten verkündet die Osterbotschaft, er wird zweimal ideenreich von Gaby Nickel in der Karwoche umgestaltet. Auf die Osternacht freut sie sich jedes Jahr besonders: „Jeder schleicht sich an das knisternde Feuer heran und es ist immer eine Überraschung, wer sich im Dunkel neben einen stellt“, sagt sie. Ein ergreifender Moment für Nickel ist, wenn sie die dunkle Kirche betritt. „Ostern ist für mich ein besonderes Fest, man erlebt beim Osterfrühstück Gemeinschaft in der Gemeinde nach der Osternacht.“
Das empfindet auch Maria Marschner so, seit vielen Jahren feiert die heute 92-Jährige die Osternacht in der Evangelischen Kirchengemeinde Oberneuland. Sie sagt: „Der Frühgottesdienst ist wunderschön, in die Dunkelheit kommt Licht, was symbolisch gemeint ist, und bereits am Feuerkorb bereitet man sich auf die Osternacht vor. Es ist ein schönes, rituelles Erleben; die Bedeutung von Ostern für Christen verspürt man intensiver, als würde man sich das nur in Gedanken vorstellen.“ Nach dem Dunkel und der Traurigkeit der vergangenen Tage freut sie sich auf ein fröhliches Osterfrühstück, hier trifft sie Menschen, die sie kennt. „Einige bringen liebevoll gebackene Osterbrote oder andere selbst gemachte Speisen mit“, erinnert sich Marschner, „da ist ein gefühlsmäßiger Zusammenhalt in der
Gemeinde zu spüren.“ Da sie ungern im Dunkeln mit dem Rollator unterwegs ist, wird es in diesem Jahr einen Fahrdienst geben, der sie abholt. Fünf Ostergottesdienste, Mitwirkende sichtbar oder im Hintergrund bleibend, alle mit der gleichen Osterbotschaft des ältesten in deutscher Fassung überlieferten Kirchenliedes: Christ ist erstanden!

Text und Foto: Susanne Wokurka